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Vièrge de Cléry

Die "Jungfrau von Cléry" strahlt tatsächlich eine jungfräuliche Frische aus, allerdings kombiniert mit einer Raffinesse und Wehrhaftigkeit, die eigentlich besser zu einer welterfahrenen Dame passt. Ihr etwas derbes, großes und gesägtes Laub und die vielen, ziemlich gemeinen Stacheln und Borsten weisen sie eindeutig als Mitglied der Centifolien-Familie aus. Vitalität und Habitus deuten zusätzlich darauf hin, dass sie zu den frühen Centifolien gehört. Der relativ späte Beginn der Blüte ist ein weiteres Indiz dafür. Die einzige Eigenschaft, die nicht recht zu dieser Zuordnung zu passen scheint, ist die Fähigkeit zur Nachblüte, die sie unter günstigen Bedingungen zeigt.
Wenn wir uns aber daran erinnern, dass an der Entstehung der Centifolien in den Niederlanden des 16. und 17. Jahrhunderts auch Damaszenerrosen beteiligt waren und dass herbstblühende Damaszenerrosen schon den Römern bekannt waren, dann wundert uns diese Fähigkeit zur Nachblüte schon weniger (zumal manche Botaniker vermuten, dass auch R x moschata  zu den Vorfahren der Centifolien gehören könnte).

Wie die meisten anderen Centifolien bevorzugt Vièrge de Cléry einen windumspülten Platz in voller Sonne und in tiefgründigem, humusreichem Boden. Die Bandbreite der Erscheinungsformen und Eigenschaften hängt bei dieser Sorte besonders stark von den Bedingungen ab, die man ihr bietet. Das "Schwester-Exemplar" von meiner Pflanze z.B. wurde von derselben Rosenschule geliefert und zum selben Zeitpunkt gepflanzt. Die Entwicklung die diese, eigentlich kräftigere Pflanze, seitdem durchlaufen hat, unterscheidet sich extrem von der meiner eigenen: Ihr ursprünglicher Platz war sehr trocken, es wurden keine bodenverbessernden Maßnahmen vor der Pflanzung getroffen, zeitbedingt wurde sie auch zu Trockenzeiten nicht gegossen und war einer großen Wurzelkonkurrenz durch wucherndes Schilf ausgesetzt.  Das Ergebnis zeigt eine Pflanze, die nur etwa 1,2 m groß wurde, noch nie nachgeblüht hat und insgesamt ein bisschen unterversorgt wirkte. Inzwischen wurde sie an einen günstigeren Platz versetzt und wird sich wahrscheinlich genauso gut entwickeln wie meine Vièrge de Cléry. Diese bekam von vorne herein einen Platz in voller Sonne, an dem der vorhandene Lehmboden mit abgelagertem Mist und Kompost durchmischt wurde, zusätzlich etwas Mist in jedem Winter und ausreichende Wassergaben in Trockenperioden. Diese Rose hat inzwischen, trotz leichtem Rückschnitt zur Reisergewinnung nach der Hauptblüte, eine Höhe von ca. 2 m erreicht, blüht wesentlich reicher, hat auch wesentlich  üppigeres und dunkleres Laub und - sie blüht in jedem Jahr seit der Pflanzung (1997) zuverlässig nach, die letzten, vereinzelten Blüten kann man noch im Herbst bewundern.

Die extrem ausgeprägten Unterschiede, die Vièrge de Cléry unter unterschiedlichen Bedingungen zeigt, führen mich zu der Annahme, dass es sich bei der schon 1778 von Grimwood in der Nähe von Suffolk gefundenen Unique Blanche (laut Jäger auch Unique de Provence, White Provence, Unica alba, Centifolia nivea, Mutabilis, Blanche virginale, Blanche Bath, R. provincialis alba oder White Bath genannt  - wobei letzteres auch ein vermeintliches  Synonym für die sehr unterschiedliche R. x Muscosa "alba" ist- ) um dieselbe Sorte handelt, die von Baron-Veillard 1888 unter dem Namen Vièrge de Cléry eingeführt wurde.

Vielleicht hat Monsieur Baron, dem wir ja z.B. die wunderschöne Remontantrose Berthe Baron verdanken, die zum damaligen Zeitpunkt vergessene Unique Blanche wiedergefunden und, da er den ursprünglichen Namen dieser Schönheit nicht herausfinden konnte, sie mit einem neuen Namen versehen und wieder in den Handel gebacht? Wenn es so gewesen sein sollte (es wäre in der Rosengeschichte kein Einzelfall), sollten wir ihm dafür dankbar sein! Wie in vielen anderen Fällen, die immer wieder heiß diskutiert werden, wird aber auch hier nur eine Gen-Analyse die letzten Zweifel ausräumen können. Darum schlage ich vor, den Namen, den Monsieur Baron dieser Sorte gegeben hat, beizubehalten, zumal er sehr gut passt und inzwischen auch der bekanntere ist.
Bei meinem letzten Besuch in Sangerhausen war die Hauptblüte der Alten Rosen mehr oder weniger vorbei und auch an Unique Blanche waren nur noch die Überreste der letzten Blüten zu erkennen. Aber auch, wenn dieser Strauch dort aufgrund seines ungünstigen Platzes mehr Ähnlichkeit mit dem schwächer entwickelten Schwester-Exemplar als mit meiner eigenen Vièrge de Cléry hatte, waren die Gemeinsamkeiten aller drei Pflanzen unverkennbar. Im Buch "Alte Rosen und Wildrosen" von Grimm, Jacob und Müller  wird zwar erwähnt, dass 1912 Unique Blanche und Vièrge de Cléry als unterschiedliche Sorten in "les plus belles roses" aufgeführt waren und dass Vièrge de Cléry größere Blütenbüschel bildet,  aber nach den frappierenden Unterschieden, die Pflanzen dieser Sorte gleicher Herkunft unter verschiedenen Bedingungen sowohl im Habitus, als auch in Bezug auf die Blühfreudigkeit zeigen, wundert es mich nicht, dass sie für verschiedene Sorten gehalten werden können. Der Beiname "Mutabilis" - die Wandelbare - der, laut Jäger, eines von Unique Blanches Synonymen ist, kann als weiteres Indiz dafür gewertet werden.

Vièrge de Cléry , die Jungfrau mit geheimnisvoller Vergangenheit, leuchtet majestätisch über alle Zweifel hinweg und verwöhnt ihre Kavaliere mit großen Büscheln rotgerandeter, runder Knospen, aus denen sich die erst cremeweißen und später reinweißen Blüten  mit einem starken Alte-Rosen-Duft entwickeln. Das Auge in der Mitte wird von vielen, nach innen gerollten Petalen eingerahmt, die manchmal nach außen hin etwas zerzaust und wenig diszipliniert wirken, ganz wie es bei einem ewig jungen Mädchen erwartet werden kann. Jede einzelne Petale besitzt die durchscheinende und seidige Zartheit, die typisch für diese Sorte ist und ihren jungfräulichen  Anschein begründet.

Unter guten Bedingungen wächst sie stark und schnell. Wenn sie nicht aufgebunden und als kleine Kletterrose geführt wird, ist ihr Wuchs etwas "unordentlich" und weit überhängend. Frost kann ihr, zumindest in gemäßigteren Klimata (mir fehlen die Erfahrungen darüber, wie sie sich in anderen verhält) nichts anhaben und auch den meisten Rosenkrankheiten zeigt sie die kalte Schulter. Nach der ersten Blüte ist sie manchmal etwas erschöpft und dann zeigt sogar diese robuste Sorte hier und da ein paar Anzeichen von Sternrußtau, die aber durch leichten Rückschnitt und ausreichende Wassergaben schnell wieder verschwinden und  neuen Knospen und Blüten weichen.

Wie von einer Jungfrau nicht anders zu erwarten, verweigert sie sich aber leider dem Nachwuchs: Im Gegensatz zu ihrer gegenüberstehenden Verwandten, R x Centifolia "variegata", hat sie in meinem Garten noch keinen einzigen Ausläufer gebildet und bisher sind leider auch alle Versuche fehlgeschlagen, einen ihrer Stecklinge zu bewurzeln. Ich bezweifle auch, dass sie viele Hagebutten bilden würde, wenn ich Verblühtes nicht entfernen würde...Jungfrauen haben eben auch ihre Nachteile, über die wir bei einer so überschäumend vitalen Schönheit aber großzügig hinweg sehen sollten.

Autorin. Raphaela Langenberg

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